Kevin Clarke

„Die Präsentation spannt einen Bogen über mehrere Jahrzehnte seines Schaffens und macht die konsequente wie vielschichtige Entwicklung eines Künstlers sichtbar, der sich früh und nachhaltig mit den Bedingungen von Bild, Medium und Öffentlichkeit auseinandergesetzt hat. Zu sehen sind zentrale Werkgruppen und Schlüsselarbeiten wie The Red Couch, die Serie der DNA-Porträts sowie Arbeiten aus der ikonischen Kaufhauswelt.
Kevin Clarkes Werk bewegt sich souverän zwischen Skulptur, Fotografie, Objekt und medialer Setzung. Es reflektiert gesellschaftliche Ordnungen, individuelle Identität und kollektive Bildwelten – oft mit einer präzisen, beinahe lakonischen Klarheit, die den schnellen Blick unterläuft und zur vertieften Betrachtung einlädt. Seine Nähe zur europäischen Avantgarde der 1970er-Jahre, unter anderem geprägt durch seine Arbeit im Umfeld von Joseph Beuys, verbindet sich mit einer eigenständigen künstlerischen Haltung, deren Aktualität heute neu erfahrbar wird.“
(Leander Rubrecht, Galerie Rubrecht Contemporary, Wiesbaden)
Kevin Clarke, *1953 NYC, studierte Bildhauerei und fand später zur Fotografie. Während der Documenta 6 nahm er an der von Joseph Beuys geleiteten Freien Universität teil. 1980 veröffentlichte er den Bildband „Kaufhauswelt“ eine soziologische Studie in schwarz-weiß Fotografien über die Angestellten des KaDeWe im damaligen West-Berlin, wofür er den Kodak Book Award gewann. Darauf folgte 1984 „The Red Couch. A Portrait of America“. Mit diesem Projekt, bei dem Clarke bekannte und unbekannte Amerikaner/Innen auf einer roten Couch porträtierte, erlangte er weltweit Bekanntheit. „The Red Couch“ umfasst rund einhundert Farbfotografien und stellt ein Profil der amerikanischen Bevölkerung in ihrer ganzen Heterogenität dar. Jeder Porträtierte musste sich auf die gleiche rote Couch setzten, die Clarke zu diesem Zweck über den ganzen Kontinent transportierte. Durch die rote Couch als immer wiederkehrendes Motiv entsteht eine komische, fast surrealistische Wirkung, die an Buster Keaton erinnert. Eine 1992 realisierte Fotoserie „From the Blood of Poets“ widmete er amerikanischen Künstlerfreunden wie John Cage, Jeff Koons und Richard Milazzo. Clarkes Porträts darin zeigen keine fotografische Abbildung des dargestellten, sondern intuitiv gewählte Motive (Landschaften und Stadtansichten, Stillleben und Objekte), die er mit dem “Porträtierten” assoziierte. Diese Motive kombinierte Clarke mit der graphischen Darstellung der DNA der jeweiligen Person, dargestellt in Form von Buchstabenfolgen oder rhythmischen Kurven. Diese Fotomontage verfremdete Clarke zusätzlich durch die Reproduktion im Farbumkehrverfahren. Es folgte das Projekt „The Invisible Body“, ausgestellt im Museum Wiesbaden, bei dem er zwei Serien zu je dreizehn Porträts verschiedener Personen aus New York und Wiesbaden schuf. Clarkes letztes New Yorker Projekt galt den Anschlägen vom elften September 2001. „Mikey Flowers 9/11“ basiert auf Fotos des Betreibers eines gleichnamigen Blumengeschäfts, der als einer der ersten vor Ort Aufnahmen des kollabierenden World Trade Centers schoss und dabei selbst fast das Leben verloren hätte. Clarke verbindet diese Aufnahmen mit den DNA-Strukturen Überlebender und schafft damit einen optimistischen Gegenentwurf zu jener anderen Anwendung der DNA-Analyse, die verwendet wurde, um die über dreitausend Opfer des barbarischen Terroraktes zu identifizieren. Das Konzept dieser Ausstellung in Artlantis basiert darauf, dass es in Clarks Leben wie beschrieben verschiedene Perioden und Projekte gibt. Die Raumaufteilung der Galerie ermöglicht deren jeweilige Präsentation, und zwar mit einem Komma: , zwischen jedem Raum oder jeder Werkgruppe. Die Idee eines Kommas besagt, dass einem Gedanken etwas vorausgegangen ist und etwas folgen wird. Wir wissen noch nicht, was folgen wird.
